Impressum

Startseite

Aktuelles

Grundsatztexte

Besprechungen

Chronologien

Lexikon

Datenschutzerklärung 

Vernichtungskrieg

Besprechungen: 

Laurel Leff: Buried by the TIMES - The Holocaust and Americas most important Newspaper, Cambridge 2005

Laurel Leffs Untersuchung über die Berichterstattung der auflagenstärksten Zeitung der Welt zum Thema Holocaust während des Krieges ist gewissermaßen das Gegenstück zu Jeffrey Herfs Studie über den "Jewish Enemy" der NS-Presse. Während Herf auf die steigende Anzahl der antijüdischen Leitartikel auf Seite Eins des Völkischen Beobachters inklusive gelegentlich kaum noch verhüllter Ausrottungsankündigungen verweist, muß Leff ihrerseits konstatieren, daß die New York Times das gleiche Thema während des ganzen Krieges nur wenige Male auf Seite Eins brachte - und zwar trotz besseren Wissens.

Die Autorin klagt die TIMES deswegen vehement an, denn es handelte sich ihrer Ansicht nach nicht etwa um eine Einschätzung der Redaktion, die eintreffenden Nachrichten über Judentötungen in Europa für falsch zu halten, sondern um eine bewusste Entscheidung zum Schweigen. Derartige Meldungen blieben für die Kriegsdauer üblicherweise auf den Seiten Vier bis Zwanzig oder noch weiter hinten im Blatt. Nun war die New York Times im Besitz der Familie Sulzberger und damit steht für Leff die Frage im Raum, warum ein jüdischer Zeitungsmacher dem Geschehen in Europa so wenig Raum einräumte. Anders als Herf gerät ihr die Darstellung dabei durchaus emotional und anklagend. Zu dem oft konstatierten Gesamtversagen der alliierten Politik in humanitären Angelegenheiten kommt für sie in diesem Fall das Versagen der bei der Times entscheidenden Person Arthur Hays Sulzberger hinzu. Ein vor der Einleitung plazierter umfangreicher Stammbaum der Sulzberger/Ochs Dynastie und etliche Querverweise dehnen diese Vorwürfe noch erheblich ins persönliche aus.

Inwieweit dies gerechtfertigt ist, erscheint durchaus fraglich. Die New York Times brachte während des Krieges nach Leffs akribischer Zählung nicht weniger eintausendeinhundertsechsundachtzig Artikel über Judentötungen in Europa. Verglichen mit dem, was dem deutschen Publikum andeutungsweise bekannt wurde, ist dies eine Publikationsflut. Das Publikum konnte informiert sein und die westlichen Regierungen ebenso. An deren Entschluss, nichts gegen die von der NS-Führung laut angekündigten Tötungsabsicht zu unternehmen, änderte die Entscheidung der New York Times nichts. Hier stellt sich die Frage nach Wissen und Verantwortung einmal aus ganz anderer Perspektive.