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Vernichtungskrieg

 

Besprechung

Martin Tielke: Der stille Bürgerkrieg - Ernst Jünger und Carl Schmitt im Dritten Reich, Berlin 2007

Das Verhältnis von Carl Schmitt und Ernst Jünger zum Dritten Reich könnte kaum unterschiedlicher gewesen sein. Während Schmitt 1933 versuchte, sich den Machthabern als intellektuelle Kapazität anzudienen, ging Jünger bereits vor deren Machtübernahme in eine Distanz zum Regime, die er trotz aller angebotenen Ehrungen beibehielt. Bald zog er sogar von Berlin weg in die Provinz, sicherheitshalber schließlich in den letzten Winkel des Deutschen Reichs, an den Bodensee. Daß Schmitt sich gleichzeitig als von Hermann Görings Gnaden neu ernannter Preußischer Staatsrat einen Einfluß auf das NS-Regime zu sichern versuchte, führte zu einer scharfen Aussprache zwischen beiden.

Martin Tielke meint erstaunlicherweise, hier keinen wirklichen Bruch erkennen zu können. In dem "stillen Bürgerkrieg", den er beschreibt, stehen Jünger und Schmitt auf der gleichen Seite, als Weiße gegen die "Schwarzen". Erst nach 1945 sei eine zunehmende Abkühlung der Beziehung erfolgt.

Man wird dem Autor hier nicht folgen können, der die Schwächen seiner Position auch selbst zu fühlen scheint. Das wird an seiner Behandlung der Gretchenfrage deutlich, die sich mit Carl Schmitt immer verbinden wird: Wie nimmt man als Leser von Schmitts Schriften Stellung zu dem, was er zum 30. Juni 1934 geschrieben hat? Ungezählte Intellektuelle haben sich im zwanzigsten Jahrhundert an die Rockzipfel totalitärer Macht hängen wollen und haben dafür deren Schauprozesse und Untaten aller Art gerechtfertigt. Doch ist es kaum einem gelungen, sich dabei derart zu unmöglich zu machen, wie Carl Schmitt durch seine kommentierende Floskel "Der Führer schützt das Recht", mit der er auf die an diesem Tag erfolgte Ermordung der SA-Führung sowie des Generals und ehemaligen Reichskanzlers Kurt v. Schleicher reagierte. Hitler rechtfertigte dies öffentlich. So etwas hatte es in der deutschen Geschichte noch nicht gegeben.

Tielke will darüber nichts sagen. Zunächst verbannt er das Thema in die Fußnoten. Später geht er noch einmal darauf ein, indem er sich jede Debatte explizit verbittet. Statt dessen erfahren wir, Carl Schmitt habe sein Schicksal im Dritten Reich als Parallele zu einer Novelle von Melville gedeutet. Dort war der Kapitän eines Sklaventransporters durch einen Aufstand der Sklaven entmachtet worden, konnte aber wegen seiner dringend gebrauchten seemännischen Fähigkeiten nicht abgesetzt werden. So entstand eine Zwischensituation.

Schmitt gab sich seit seiner Kaltstellung 1936/37 auch gegenüber Jünger nun gern als Sinnbild jenes Kapitäns aus, wobei die "Schwarzen" - das NS-Regime symbolisierten. An diesem Bild ist alles schief, angefangen bei der Erkenntnis, daß Schmitt nie der Kapitän war, sondern nur gern einer geworden wäre. Tielke assistiert dennoch und spricht vom Aufstieg "illegitimer Mächte" durch den geschilderten Aufstand. Auf die Idee, einen Sklavenaufstand als "illegitim" zu bezeichnen, muß man auch erst einmal kommen. Letztlich bringt Tielke eine ungewollte Bestätigung, wie viel ehrlicher, aber auch für ihn persönlich schmerzvoller, Ernst Jünger sich im Dritten Reich bewegt hat. Für ihn bedeuteten der Untergang Deutschlands im Vernichtungskrieg und seine Scham beim Tragen der früher einmal mehr als alles geschätzten deutschen Uniform eine existentielle Niederlage, die vom Tod des eigenen Sohns dann 1945 entsetzlich symbolisiert wurde.